Der kleine Ginko Baum und die größte Kraft im Universum

 

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Der kleine Ginko-Baum

Und die größte Kraft im Universum

von Melanie Geyermann


Ich teile eine Kindergeschichte mit Dir, die aber auch für die großen Herzen erschaffen wurde.

Ich wünsche Euch einen wundervollen gelbgoldenen Herbsts-Montag.

Eure Melanie


 

Ich kenne da einen kleinen Ginko-Baum. Er ist mit etwas Geduld und offenem Herzen zu finden. Er hat seine Wurzeln nicht weit entfernt von Dir, an einer wunderschönen Lichtung geschlagen. Vielleicht triffst Du irgendwann auf ihn. Und damit du dann vorbereitet bist und nicht versehentlich an ihm vorbei gehst, erzähle ich Dir nun seine Geschichte.

Ginko, so heißt der kleine Baum, öffnet verschlafen seine Augen und wird von seinem alten Freund, dem Sonnenaufgang – mit warmen gelbgoldenen Morgenstrahlen geweckt.  Voller Lebensfreude schüttelt er den Morgentau von seinen Blättern, atmet die herrliche Waldluft ein und reckt und streckt sich dem Himmel entgegen. Fröhlich grinst er in die Runde. Denn er steht in Mitten seiner Familie,  an einer wundervollen Lichtung und ist vollkommen zufrieden.

Eine Gruppe von Menschen naht und die Stimmen werden immer lauter. Neugierig wird der kleine Baum ganz still und voller Offenheit wartet er auf die Neuankömmlinge.

Kleine Menschenkinder scheinen auch dabei zu sein und sein Herz hüpft, weil er selber noch jung ist. Felix und Clara, zwei Kinder, kommen ihm vorsichtig näher. Und dann passiert es.

Sie streicheln ihn und berühren Ginko so zärtlich, wie der kleine Baum noch nie berührt wurde. Ein Schauer von Wärme geht durch den kleinen Baum.

Voller Staunen sagt Felix: „Du bist aber ein toller Baum, wunderschöne grüne Blätter hast Du da. Hast du die selber so grün angemalt?“

Der kleine Baum muss lachen und würde jetzt zu gerne antworten, aber die Menschen verstehen seine Sprache nicht. Wie kann ich aber meine Dankbarkeit ausdrücken, fragt sich der kleine Baum?

Er entscheidet sich, über Nacht besonders viele Nährstoffe aus dem Waldboden aufzusaugen und besonders viel Wasser über seine Wurzeln aufzunehmen, um diese Nacht besonders schnell zu wachsen. Vielleicht schafft er es bis zum nächsten Morgen schneller als sonst gewachsen zu sein.

Und vielleicht, wenn diese Kinder morgen wieder kommen, sehen sie seine Freude und wie groß und erhaben er über Nacht geworden ist.

Genau so macht er es, denkt  sich der kleine Baum und träumt die ganze Nacht von diesen süßen lieblichen Stimmen und dieser besonderen Zuwendung, die von diesen beiden kleinen Kindern ausgegangen war.

So süß wie Honigtau.

So liebevoll wie Sonnenstrahlen.

So weich wie Waldmoos.

So glücklich

war er schon lange nicht mehr.

Am nächsten Morgen wacht der kleine Baum nach dem Sonnenaufgang auf. Voller Vorfreude schüttelt er den Morgentau von seinen Blättern. Er reckt und streckt sich und grinst fröhlich in die Runde. Denn er steht in Mitten seiner Familie an einer wundervollen Lichtung.

Könnt Ihr Euch schon denken, wie die Geschichte weiter geht?

Wenn Du etwas wirklich willst, werden große und kleine Wunder sichtbar, vorausgesetzt Du weißt, wie mächtig Du ist.

So  bemerkt der kleine Baum, wie GROSS er über Nacht geworden ist. Er weitet sich königlich vor seinen Brüdern aus und  kann es kaum abwarten. Hoffentlich kommen die Kinder wieder, fiebert der kleine Baum dem Tag entgegen.

Sein Wunsch geht tatsächlich in Erfüllung. Eine Gruppe von Menschen naht und die Stimmen werden lauter. Felix und Clara kommen ihm näher. Sofort erkennt er sie und wünschte, er könnte ihnen ein breites Grinsen entgegen bringen und sie wie alte Freunde umarmen. Doch leider kann er all das nicht.

Aber bestimmt sehen sie, wie groß er über Nacht geworden ist.

Plötzlich kommt ein riesen großer Ast geflogen, aber nicht einfach so.

Clara hat ganz unerwartet ausgeholt und mit aller Wucht, wird der kleine Baum von dem großen Ast getroffen. Seine zarten Äste können nicht stand halten. Er ist völlig machtlos und da hilft es auch nicht, dass er über Nacht einen ganzen Zentimeter gewachsen ist.
Sein rechter Ast bricht ab und er hat Schmerzen. Er blutet nicht nur an der Stelle, wo der Ast abgebrochen ist, sondern er blutet auch im Herzen.

Er fühlt sich schrecklich klein und eng.

Sofort lässt er seine Blätter hängen. Er fühlt sich fürchterlich, dass er am liebsten nie wieder wachsen will. Das schlimmste ist, dass er das erste Mal erfährt, was NICHT LIEBE ist. Er fühlt sich leblos und so traurig, wie noch nie zu vor.

„Wieso? Was habe ich nur gemacht? Bin ich schuld? Bestimmt bin ich schuld, denn das hier ist meine Welt und ich bin bestimmt nur die einzige Ursache. Bin ich so ein böser Baum, dass ich das verdient habe?“, fragt sich der kleine Baum, vergessend, dass es keine SCHULD gibt, sondern nur Unwissenheit.

Es kommt schlimmer. Auf einmal schreit Clara den kleinen Baum an: „Ich hasse dich! Du böser Baum, nie machst du etwas richtig! Du ärgerst Mama immer nur und hörst nicht auf sie! Du böser, böser Baum, wenn Du noch einmal so ein böser Baum bist, gehst du jetzt direkt in Dein Zimmer und dann kannst du ohne Vorlesen direkt ins Bett.“

Das Herz von dem kleinen Baum bleibt fast stehen. Er versteht die Welt nicht mehr und muss weinen.

Aber weil ich immer an Wunder glaube und sie schon unzählig oft selbst erlebt und gesehen habe, geht meine Geschichte gut aus!

 

Felix sieht erschrocken Clara an.  Mit traurigen glasigen Augen stellt er sich schützend vor dem Baum.

„Clara, der Baum ist mein Freund. Siehst du nicht, wie groß er über Nacht geworden ist? Warum hast Du ihn verletzt?“

Aus der Ferne sieht Clara´s Mutter was passiert ist. In ihr brodeln die Gedanken: Was werden die anderen Eltern nur sagen? Ich habe wieder versagt. Die Eltern werden wieder über uns sprechen. Wütend und beschämt eilt sie zu den beiden Kindern: „Du böses, böses Mädchen. Wenn Du noch einmal ein so böses Mädchen bist, gehst du direkt nach Hause und dann kannst du ohne Vorlesen sofort ins Bett gehen. Heute Morgen hast Du mich schon so geärgert.“, platzt es aus ihr heraus.

Mit entsetzten Augen läuft Clara  wütend und verzweifelt weg. Felix ist wie erstarrt und sinkt traurig zu Boden. Er fühlt sich schrecklich. Sein Herz schlägt wie wild, weil es am liebsten weglaufen will. Wo er doch immer will, dass alle GLÜCKLICH und FRÖHLICH sind. Er versteht das einfach nicht.

Da passiert ein Wunder, denn Wunder gibt es noch, wenn wir darum bitten.

Clara´s Mama sieht diese traurigen Augen von Felix und setzt sich neben ihn. Zusammen schauen sie auf den kleinen Baum, der einen Ast nun weniger hat.

Plötzlich kommen Clara´s Mama dicke salzige Krokodilstränen, denn ihre Augen treffen auf den Baum, der neben dem kleinen Ginko Baum steht.

Sie erinnert sich wie aus dem Nichts an alles.

Als wäre es gestern gewesen. Denn neben dem kleinen Baum steht ein alter, sehr alter Bruder und etwa 4 Meter über dem Baumstamm ragt ein alter dicker Ast, der aber ein verstümmeltes Ende hat. Aus diesem verstümmelten Ende wachsen jetzt kleine junge Äste heraus, ummantelt von kleinen und großen Blättern. Wunderschön anzusehen.

Doch in dem Herzen von Clara´s Mutter wird es schwer. Wie Clara stand sie genau an der gleichen Stelle und hatte aus Wut und Traurigkeit ihren Frust an dem Baum ausgelassen, der heute, 30 Jahre später immer noch neben dem kleinen Baum wächst.

Nach 30 Jahren steht der Baum immer noch da und hat die gleiche Wunde.

Da weint Clara´s Mutter noch mehr Krokodilstränen!. Und weil Felix ein Kinderherz hat, steht er auf und nimmt Clara´s Mutter in den Arm.

Clara´s Mama erinnert sich, als wäre es gestern gewesen, dass sie genau das gleiche erlebte, wie ihre Tochter Clara und heute genau die gleichen Worte verwendet, die sie damals selber hörte. Immer dachte sie, SIE wäre nicht in Ordnung und ein böses, böses Mädchen.

Da wird ihr Herz ganz weich, denn sie hat in ihrem Kinderherz nie vergessen, was Mitgefühl und Versöhnlichkeit ist.

Zärtlich streichelt sie den kleinen Baum, so zärtlich wie noch nie zu vor. Der kleine Baum ist so froh darüber, wo er doch geglaubt hat, dass seine kleine Welt nie wieder in Ordnung kommt und für immer gebrochen ist. Und weil er auch noch ein Kinderherz hat, kann er ihr nicht lange böse sein.

Und weil Wunder immer einen langen, sehr langen roten Faden haben, folgen noch viele kleine Wunder.

Clara wird schon bald von ihrer Mutter und Felix wieder gefunden.

Mit großer Erleichterung, wird Clara von ihrer Mutter in die Arme und ins Herz geschlossen. Ihre Mama erzählt ihr von ihrer Baumgeschichte. Plötzlich haben beide eine geniale Idee. Sie schreiben ihre Geschichte auf und machen mit ihrem Smarthandy, weil dies eine moderne Geschichte ist, ein wunderschönes Foto von dem kleinen Baum und dem großen Bruder.

Seit dem ist diese Geschichte um die ganze Welt gegangen und vielleicht liegt sie auch eines Tages auf einer Parkbank, auf der Du gerade verweilst.

Das schöne Bild von den Baumbrüdern hängt am Kühlschrank und jedes Mal, wenn Clara´s Oma zu Besuch kommt, nehmen sich Clara´s Oma und ihre Mutter in den Arm und verstehen jetzt, dass nur

ein verletzter Mensch verletzend sein kann und dass Versöhnung und Mitgefühl die größte Kraft im Universum ist.

 


© Melanie Geyermann 2017

alle Rechte bleiben bei der Autorin

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